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Wie entsteht eine Depression?

Wer bin ich?

Diese Frage stellen sich viele Menschen und scheitern schon an dieser Frage. Es soll hier kein Tabellarischer Lebenslauf entstehen, sondern eher ein Gefühlslebenslauf. Auch kann er nicht ganz vollständig sein. Dennoch glaube ich hier das wichtigste aus meinem Leben wiedergegeben zu haben, um das entstehen meiner Depression zu verstehen.

Geboren wurde  ich  1955 in einem kleinem süddeutschen Städtchen. Dieser Ort ist meine Heimat, auch wenn ich dort nicht mehr wohne.

Mein Leben begann eigentlich ganz normal. Ein gut behütetes Elternhaus wie man so sagt. Unsere Eltern kümmerten sich sehr um meinen älteren Bruder und mich. Wir bekamen viel Liebe von unseren Eltern. Das war eigentlich für uns selbstverständlich, aber erst seit einigen Jahren ist mir bewusst was Elternliebe bedeutet, und wie wichtig sie ist.

 Vom Wesen her war ich, im Gegensatz zu meinem Bruder, damals ein ziemlicher Lausbub. Nichtgerade pflegeleicht wie man so sagt. Der Vorzeigebub war mein Bruder, und ich das, wenn auch von meinen Eltern geliebte, Schwarze Schaf. Dadurch war auch das Verhältnis zu meinem Bruder gespannt.  Schon zu dieser Zeit denke ich, wurde schon der Grundstock für meine späteren Depressionen gelegt. Dafür kann und will ich niemanden verantwortlich machen, denn obwohl Lausbub war ich schon immer sehr sensibel. 

Dann Kindergarten und Schule wie es bei den Meisten auch ist. Keine besonderen Höhen und Tiefen bis mein Vater krank wurde. Das Leben veränderte sich für mich mit etwa 10Jahren. Mein Vater der sonst immer sehr ausgeglichen war wurde auf einmal unzufrieden. Dieses Verhalten konnte ich nicht richtig einordnen. Wie gesagt ich war nicht pflegeleicht und für manches graue Haar das meine Eltern bekommen haben trage ich wohl die Verantwortung. Damit war für mich auch schon die Schlussfolgerung da, es liegt an mir. Ich bin böse. Als ich 12Jahre alt war starb mein Vater. 

Das Verhältnis zu meinen Bruder der immer brav war, also das Gegenteil von mir, wurde immer gespannter. Das ich meinem Bruder nicht unbedingt die wahre Bruderliebe entgegenbrachte brauche ich wohl nicht zu betonen, Wir waren  gegensätzlich wie schwarz und weiß. Es gab nur wenige Berührungspunkte. Dann der Schock. Bei einem Unfall starb 1971 mein Bruder. Wieder kamen Schuldgefühle auf die wenn man sie genau betrachtet unsinnig sind, aber dennoch real da waren. Die Leiden und Schmerzen die meine Mutter hatte werden wohl nur die verstehen die selber ein Kind verloren haben. 

Danach lief es einigermaßen in geregelten Bahnen. Die Schule schloss ich ab, machte eine Lehre als Mechaniker, verliebte mich und heiratete. Trat anschließend meinen Zivildienst beim DRK an. Alles schien in bester Ordnung zu sein. Wir kauften uns eine kleine Wohnung und begannen unser Leben zu planen. Erst die Wohnung abbezahlen dann Kinder, alt und grau werden, Enkelkinder usw. und das Alles möglichst ohne Probleme. Ziemlich naiv.

Doch was wäre das Leben ohne Probleme. Es begann ganz harmlos. Meine Frau bekam Schmerzen und ging zum Arzt. Sie wurde zur Untersuchung in ein Krankenhaus eingeliefert. Es war nicht besorgniserregend nur eine Kleinigkeit. Uns wurde eröffnet das Ihr in  einem Jahr vermutlich die Gebärmutter entfernt werden muss, und das wenn wir noch Kinder haben wollen wir uns beeilen müssen. Kinder wollten wir eigentlich nicht so früh, aber lieber jetzt wie nie. Also wurde ein Kind gezeugt und wir freuten uns schon darauf. Wir machten uns Gedanken um Namen und was man sonst noch so tut wenn man sich auf etwas freut. Die Schmerzen wurden nicht besser sondern stärker. Es kamen wieder Einweisungen in verschiedene Krankenhäuser. Das Gute an meinem Zivildienst war, ich konnte Sie immer besuchen. Auch einen sehr großen Teil der Bereitschaftszeiten konnte ich bei meiner Frau verbringen. Dann das Gespräch mit dem Arzt. Das Kind kann nicht mehr ausgetragen werden und muss abgetrieben werden. Damit war schon wieder ein Teil unserer Lebensplanung gescheitert. Und das war schon wieder ein Todesfall für mich. Zum Glück hatte Sie schon ein Kind mit in die Ehe gebracht. Ein Kindernarr war ich schon immer, und so beschloss ich dieses Kind zu adoptieren. Das war für mich kein Problem, denn nicht durch die Zeugung wird ein Mann Vater, sondern durch das um sich kümmern. So können wir unser Leben weiterführen und uns unsere Zukunft zu Dritt aufbauen dachten wir. Kurze Zeit später wurde mir eröffnet das meine Frau Leberkrebs hat. Eine Heilung ist ausgeschlossen und Sie wird noch zwischen einem halben bis zwei Jahre leben. 

Der Umgang mit dem Tod schon in meiner Jugend in der Familie und auch beim DRK war ich schon gewohnt. Dennoch traf mich diese Nachricht wie ein Hammerschlag. Ab hier begann ich meine Maske zu gestalten. Der Clown wurde erschaffen. Nach Außen immer gut gelaunt, meiner Frau die nicht wusste wie es um Sie stand, immer Mut zusprechend. Diese Maske habe ich zulange aufbehalten. Durch den guten Kontakt zu den Ärzten und durch meinen Zivildienst war es mir immer wieder Möglich meine Frau Tageweise aus dem Krankenhaus abzuholen. Das Ende zeichnete sich immer mehr ab. Schließlich kam Weihnachten. Einen kleinen Weihnachtsbaum aufstellen schmücken und vor allem heiter sein. Besuch von Ihren Geschwistern und Ihrem Vater. Alles in Allem also Friede Freude Eierkuchen. Am nächsten Tag wieder zurück ins Krankenhaus. Am zweiten Weihnachtsfeiertag dann die "Erlösung". Sie durfte endlich sterben. Ihre letzten Worte waren "Ich habe dich lieb". Diese Worte werden von vielen oft ohne große Gedanken ausgesprochen, ohne das es bewusst wird was Sie in Wirklichkeit bedeuten. In diesem Moment verspürte ich keine Liebe mehr, sondern nur noch unbändiger Hass auf Gott. Auch heute noch brennt dieser Hass in mir. Dieser Hass hat mir, so seltsam es klingt, unheimlich geholfen. Der Entschluss zum Selbstmord war bereits für mich gefallen. Dann die Beerdigung und das erledigen von all den Dingen die gemacht werden mussten. 

Die Maske wurde immer perfekter. Nach Draußen immer schön heiter und wie es Drinnen aussieht geht keinem was an. Es musste ja noch einiges erledigt werden. Es stand ja noch die Adoption von meinem Sohn an. Ein Depressiver akut selbstmordgefährdet, alleinstehend, zu jung  ist natürlich nicht unbedingt der idealer Adoptivvater. Also wieder hübsch die Maske aufgesetzt. Ein paar Gesetzte gebogen und die Adoption ist gelaufen. Hier möchte mich an dieser Stelle bei dem Jugendamt bedanken, das uns sehr geholfen hat. 

Das Verhältnis zu meinem Sohn änderte sich auch. In manchen Familien ist das Krebsrisiko besonders hoch. Seine Großmutter ist an Krebs gestorben, seine Mutter ist an Krebs gestorben und auch Tanten von Ihm. Wie ist bei Ihm das Risiko? Gefühle die man jemand anderes entgegenbringt, können verletzt werden. Ob absichtlich oder eigene Schuld. Gefühle die verletzt werden schmerzen besonders, also geht man dieser Gefahr aus dem Weg. Unser Verhältnis kühlte sich merklich ab. Mein Ziel war nur noch solange zu leben bis mein Sohn alt genug ist, um ohne mich auszukommen. 

Der Alkohol wurde inzwischen auch zu meinem Begleiter. Es kamen jetzt immer wieder Nervenzusammenbrüche die ich gut vor meiner Umwelt verbergen konnte. Beschäftigung war angesagt, sich mit anderen Dingen beschäftigen lenkt ab. Außerdem Mechanikermeister macht sich auch ganz gut in meiner Todesanzeige. Es ist wirklich ein dummer Grund für eine Todesanzeige den Meister zu machen. Ich machte meine kleinen Selbstmordspielchen. oft ließ ich andere durch versteckte Fragen entscheiden ob ich mich noch heute umbringen soll oder nicht. 

Plötzlich, ich hatte ja schon mein Leben abgeschlossen, die Worte "ich liebe dich". So überrascht war ich noch nie. Es ist wieder jemand urplötzlich und für mich völlig unvorbereitet in mein Leben getreten, und hat gewusst wie es hinter meiner Maske aussieht. Aus verschiedenen Gründen die zu Privat sind und nicht nur mich betreffen lasse ich hier eine kleine Lücke. Diese Frau hat mir mein Leben gerettet. Aber auch diese Beziehung scheiterte , und meine Selbstmordgedanken waren wieder da. Diesmal verschob ich meinen Selbstmord um einige Zeit damit keine Verbindung zum Ende dieser Beziehung erkennbar sein sollte. Diese Beziehung flackerte noch einmal kurz auf. Dieses aufflackern reichte aus um mein Leben wieder umzukrempeln.

Die Maske begann zu bröckeln. Ich ließ die Finger vom Alkohol, suchte eine neue Partnerin und gestaltetet mein Leben wieder neu. Auch wurde jetzt der Wunsch nach noch einem Kind erfüllt. Mein zweiter Sohn wurde geboren. Die Depressionen waren nicht weg, sind aber etwas in den Hintergrund getreten. Sie waren noch da, manchmal stärker manchmal schwächer. Ein relativ normales Leben begann für mich. Das Glück währte allerdings nicht lange. Es begannen sich Andere in unsere Beziehung einzumischen, und das Resultat war die Scheidung. 

Wieder voll die Maske aufgesetzt und in die nächste Beziehung rein, die leider alles andere als unproblematisch war. Immer wieder Nervenzusammenbrüche zum Glück, fast immer nur wenn ich alleine war. Mein Leben war nur noch ein hangeln von einem Ast zum andern. In dieser Zeit nahm ich schon öfter Abschied von meinem Sohn, denn es hätte jedes mal das letzte mal sein können das ich ihn sah. Mein Leben war keinen Pfifferling mehr wert. Zur der Zeit wusste ich schon das ich ohne Behandlung keine Möglichkeit mehr hatte mein Leben in den Griff zu bekommen.  Auch der Alkohol wurde wieder mein Freund. 

Also ab in die nächste Beziehung. In einer Wochenendbeziehung ist es relativ leicht seine Maske aufzubehalten. Aus dieser Wochenendbeziehung wurde mehr, und wir Leben inzwischen zusammen.

 Während eines mehrwöchigen Klinikaufenthaltes meiner Partnerin wieder mehrere Zusammenbrüche. Ein besonders schlimmer an einem Wochenende. Jetzt war es Nichts mehr zu verbergen. Meine Partnerin nahm mir das Versprechen ab, das ich zum Arzt gehe. 

Montagmorgen Anruf bei einem Neurologen " Wie viele Patienten sind da? " Antwort "zwei". Ab ins Auto und hin. Das Wartezimmer ist gerammelt voll. Nichts wie weg. Dann verschiedene Ärzte angerufen, und zu dem mit den wenigsten Patienten hingefahren. Diagnose Depressionen " wer hätte das gedacht ", Überweisung zum Neurologen. Offenes Gespräch zwischen Therapeut und mir. Er will mich sofort in eine Klinik einweisen. Durch das Versprechen mich nicht umzubringen kann ich eine Woche Aufschub bekommen. Es waren noch einige Dinge zu erledigen. 

Dann eine Woche später Koffer gepackt und in die Klinik. Wie fühlt man sich wenn man in die Klapse geht? Der Gedanke in ein Gefängnis zu gehen kann wohl nicht schlimmer sein. Allen Mut zusammengenommen und auf die Station gegangen. Dann die Aufnahme und die ganzen Formalitäten. Die Überraschung für mich, ein Gefängnis sieht ganz anders aus. Diese Zeit in der Klink werde ich wohl als eine der besten Zeiten in meinem Leben bezeichnen können. Es war keine leichte Zeit, die Behandlung war schon anstrengend. 44Jahre Leben aufarbeiten kann ganz nett anstrengend sein. Zum Glück hatte ich eine sehr gute Therapeutin mit der ich sehr gut zusammenarbeiten konnte. Aus den " 4Wochen darunter macht es keinen Sinn bis 6Wochen das ist normal " wie mein Arzt sagte, wurde fast ein halbes Jahr. Kurz nach der Entlassung aus der Klinik hatte ich noch einen kleinen Rückfall, den ich aber sehr gut meisterte. 

Ein Resümee meines Aufenthaltes in der Klinik möchte ich weniger für mich als für Andere ziehen. Es lohnt sich auf jedem Fall der Versuch. Was haben wir zu verlieren außer unserer Depression. 

Was wir gewinnen können ist, das wir unser Leben zurückbekommen.

Auch wenn Sie wie jetzt in meinem Fall sich wieder bei mir einschleicht. Ich weiß, ich kann Sie bekämpfen, wie man einen bösen Drachen auch bekämpfen kann. Nur muss ich jetzt erst wieder den Mut finden was nicht so einfach ist, aber ich werde versuchen zu kämpfen.

hartmut