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» Der Weg in die Klinik
Seit einigen Wochen war ich alleine. Meine Partnerin war zu der Zeit in
einer Klinik. Das Leben als Single bin ich eigentlich gewohnt. Mehrere Jahre war
ich mehr oder weniger Single. Bei meiner Arbeitsstelle war ich ziemlich
angespannt. Die Arbeit als Ausbilder, insbesondere der Umgang mit jungen
Menschen, ist für mich sehr wichtig in meinem Leben. Aus dieser Arbeit habe ich
immer wieder Kraft zum Überleben geschöpft. In meiner Partnerschaft kriselte es
zu dieser Zeit. Wir wollten zusammen, in der Klinik wo sie war, eine
Partnerschaftstherapie machen. Leider machte uns jemand einen Strich durch die
Rechnung. Der Urlaub für die Therapie wurde mir nicht genehmigt, obwohl es durch
das verschieben eines Kurses möglich gewesen wäre. Jetzt war der
Gewissenskonflikt für mich da. Für wen soll ich mich entscheiden. Kündigen und
meine geliebte Arbeit aufgeben, oder die Partnerschaft aufgeben. Es war ein hin
und her überlegen. Eine Lösung fand ich nicht. Mein Kündigungstermin 30.Juni
verstrich. Die Sommerferien waren da. Urlaubsgrillen mit der Belegschaft war
angesagt. Bei diesem gemütlichen Zusammensein währe ich beinahe schon
ausgerastet. Der innerliche Druck war schon sehr groß. Dann endlich Urlaub, viel
freie Zeit zum nachdenken. Viel Zeit brauchte ich nicht, schon nach einer Woche,
am Wochenende kam der totale Zusammenbruch. Schon vorher war mir alles sehr
schwer gefallen. Die Einfachsten Arbeiten konnte ich nur mit größten
Anstrengungen erledigen. Jetzt war ich zu gar nichts mehr fähig. Der ganze
Körper krampfte sich zusammen.
Montagmorgen der Arztbesuch. Vorschlag vom Arzt, direkt aus der Praxis in
die Klinik Das ist nicht möglich, zuhause sind Katzen die versorgt werden
müssen, und vor allem wollte ich noch einmal meinen Sohn sehen. Mit aller Mühe
und dem Versprechen keinen Selbstmord zu begehen, kann ich eine Woche Aufschub
bekommen. Am nächsten Tag, und dann jeden zweiten Tag, musste ich in die
Sprechstunde. Mein Sohn war mit seiner Mutter in Italien. Leider kamen sie zu
spät zurück, so das ich ihn nicht mehr sehen konnte.
Wieder Montagmorgen. Zwischen 10 und 11 Uhr muss ich mich auf der Station
melden. Nichthingehen würde Zwangseinweisung bedeuten. Es gibt für mich keinen
Weg zurück. Die ganze Aufnahmeprozedur, dabei wollte ich doch nur noch meine
Ruhe. Dann die Hausordnung. Ausgang von morgens 8Uhr bis abends 20Uhr. Bewegung
frei auf dem Krankenhausgelände einschließlich eines Supermarktes in der Nähe.
Anwesenheitspflicht zu den Mahlzeiten und Therapien, aber ansonsten viel freie
Zeit. Rauchen durften wir nur auf dem Balkon, aber das ist im Sommer auch kein
Problem. Mein Arzt sagte mir mein Aufenthalt würde etwa 6Wochen dauern.
Erstes Wochenende. Weil ich noch nebenberuflich eine kleine Werkstatt
betreibe durfte ich am Samstag heimfahren und nach den rechten schauen. Katzen
gesund und munter, und in der Werkstatt mit meinen Mitarbeitern, denen ich hier
einmal ein großes Lob aussprechen will, alles bestens. Schnell die Wäsche
gewaschen und zurück in die Klinik. Dann das schwerste, anrufen das ich meinen
Sohn am Sonntag nicht holen kann.
Jetzt begann die Therapie richtig. Gespräche mit meiner Therapeutin,
Untersuchungen und Beschäftigungstherapie. Meine Künste als Töpfer waren und
sind nicht geraden die besten. Langsames einleben in die Gemeinschaft. Und
Aussicht auf einen freien Sonntag. Angerufen ob ich meinen Sohn holen kann. Es
geht. Am Sonntag in das Auto gesessen und Sohnemann geholt. Doch wie sage ich es
meinem Kinde. Seine Mutter wusste von nichts, nur das ich nicht zu erreichen
bin. Wie erkläre ich einem Kind mit 8Jahren das der Vater in der Klapse ist.
Kinder sind viel verständiger wie manche " Erwachsene" glauben. Was Kinder sehen
können Kinder besser begreifen. Darum fuhr ich mit ihm in die Klinik, und
zeigte, und erklärte ihm alles. Seine Fragen konnte ich dadurch auch viel besser
beantworten. Zwei Fragen sind mir besonders gut im Gedächtnis geblieben. Warum
das so plötzlich gekommen ist, und im Kopf? Sein Verständnis zeigt mir was für
einen großartigen Sohn ich habe.
Die Wochen begannen immer schneller zu vergehen. Es war ein stetiges auf
und ab der Gefühle. Es kamen immer Zeiten in denen es mir gut ging und Zeiten
der Verzweiflung. Am Wochenende konnte ich jetzt immer nach Hause. Besonders am
Anfang war ich jedoch immer wieder froh in die Klinik zurückzukehren. Die Klinik
wurde langsam zu meiner Heimat. Innerhalb der Klinik fand ich Halt und Schutz.
Die Mitpatienten wurden zu meiner Familie. Alte Interessen kamen wieder, neue
kamen hinzu. Wir hatten viel freie Zeit und so begann ich zu backen und zu
kochen. Am besten haben uns unsere Therapeutischen Essen gefallen. Wir suchten
immer nach Gründen dazu. In Wirklichkeit war es nichts anderes wie eine
Fressorgie die wir alle genossen. Doch sollte der therapeutische Effekt nicht zu
gering eingeschätzt werden. Sich auf etwas freuen hebt ungemein die
Lebensfreude. Langsam aber sicher ging es mit mir bergauf. Die Therapiegespräche
kosteten viel Kraft, doch im Vergleich zur Gestaltungstherapie waren sie ein
Zuckerschlecken. Wir malten dort Bilder. Keine um an die Wand zuhängen, sondern
der Therapeut besprach mit uns dann die Bilder. Wie oft er genau das traf was
uns krank machte, war fast schon unheimlich. Beim erstenmal bin ich weggerannt.
Später bekam ich bei ihm Einzelsitzungen. Auf diese Sitzungen habe ich mich
gefreut, und gleichzeitig davor Angst gehabt. Ein Bild hängt jetzt bei mir in
der Wohnung. Es hat keinerlei künstlerischen Wert, aber es bedeutet mir viel.
Einige Zeit die Verantwortung für mich abzugeben um neue Kräfte zu sammeln
war wichtig. Doch kommt irgendwann die Zeit das Leben wieder in die eigenen
Hände zu nehmen. Langsam kam der Wunsch Heim zu gehen.
Aus den 6Wochen wurden fast 6Monate. Doch jeder einzelne Tag war wichtig.
Die Entscheidung in die Klink zu gehen war die einzig Richtige.
Ohne die Hilfe von meiner Therapeutin die sehr einfühlsam war, dem
Gestaltungstherapeuten der mich manchmal bis auf das Blut reizte, und der
Beschäftigungstherapeutin die ich manchmal bis aufs Blut reizte, wäre ich wohl
heute nicht mehr am Leben. Auch die ganzen Krankenschwestern und Pfleger waren
mindestens genauso wichtig. Unserer kleiner Praktikantin, die ich öfters zum
erröten brachte, möchte ich vielleicht noch sagen. Wenn ich eine Tochter hätte
würde ich mir wünschen, sie wäre so. Auch unserem rauchendem Arzt, der öfter mal
einen frechen Spruch von mir gehört hat, aber auch Kontra geben konnte ein
Dankeschön.
Meinen Mitpatienten die mich so gut aufgenommen haben, und mich so
genommen haben wie ich bin, verdanke ich wohl am meisten. Wir waren eine Familie
in der wir zwar manchen Zwist hatten, aber noch mehr Freude.
hartmut
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